Ukraine-Krieg: Geflüchtete Frauen im Fokus des Milieus

„Wir haben einen Platz zum Schlafen für Dich – da sind bereits andere ukrainische Frauen und ein Anwalt, der behilflich ist!“. So in etwa beginnen manche Gespräche an Grenzen, Bahnhöfen und Sammelplätzen der Länder, in die junge ukrainische Frauen flüchten. Der Schlafplatz und die Anwesenheit anderer Frauen ist dabei nicht gelogen, die Intention ist jedoch keine gute.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 bemühen sich zahlreiche Hilfsorganisationen [siehe z.B. 5]. und private HelferInnen darum, ukrainische Geflüchtete in ihrer Notsituation aufzufangen. Leider mischen sich darunter auch „HelferInnen“, die Hilfe nicht im Geringsten im Sinn haben. Unsere Kontakte zu Hilfsteams vor Ort berichten von Ansprachen durch sowohl männliche als auch weibliche Personen aus Zuhälter- und Menschenhändlerkreisen: Als Hilfsangebot getarnt, um junge Frauen in eine Abhängigkeitssituation und schlussendlich in die Prostitution zu bringen – wie in jeder Flüchtlingswelle kann hier nämlich besonders Profit geschlagen werden. Was für Unbeteiligte unglaublich klingen mag, ist längst ein Muster, das in Zusammenhang mit Kriegssituationen (z.B. in Jugoslawien, Afghanistan, Syrien, Westafrika) bekannt und im Milieu erprobt ist [2, 8, 10].

Profit lässt sich dort machen, wo Nachfrage herrscht

Die Bemühungen an den Grenzen lohnen sich für die Menschenhändler, denn Freier, die sich auf ukrainisches „Frischfleisch“ freuen, sind leider keine Seltenheit. Von Vorfreude auf unverbrauchte ukrainische Frauen im Stammladen bis hin zu Schwärmereien über kleine Privatbordelle zu Hause und sogar Fantasien in Zusammenhang mit den halbverwaisten Kindern. Alles ist dabei und wird in den gängigen Freierforen und im Darknet diskutiert. Woher kommt der Fokus auf die geflüchteten Frauen? So ist es für den einen Freier die Abwechslung zu den Rumäninnen oder Bulgarinnen im Bordell, für den anderen die Verzweiflung und das Trauma an sich, das besonders reizvoll ist – und für den nächsten sogar die Überzeugung, den Frauen mit dem Kauf ihres Körpers etwas Gutes zu tun [2, 4, 10].

Ein ähnlicher Anstieg der Nachfrage zeigt sich im Übrigen auch in den Suchanfragen auf Pornoseiten: Seit Kriegsbeginn werden offenbar vermehrt Inhalte zu ukrainischen Frauen nachgefragt [7, 10]. Da der Zusammenhang zwischen Pornokonsum und der Tendenz zu Sexkauf bereits bekannt ist [siehe z.B. 6, 11] ist diese gleichzeitige Entwicklung nicht verwunderlich.

Das Milieu ist schon vorbereitet – Polizei und Helfer aber auch

„Das Milieu bereitet sich schon auf die Ukrainerinnen vor“ – ließen uns einige Frauen, die mit uns in Kontakt sind, bereits zu Kriegsbeginn wissen. Und die Beobachtungen unserer Hilfsteams sind keine Einzelfälle. Seit Februar 2022 häufen sich die Meldungen über Kontaktversuche durch Zuhälter und Menschenhändler in den Medien und sozialen Netzwerken. Die Sensibilisierung für die Gefahr, die insbesondere jungen Ukrainerinnen drohen kann, ist hierdurch aber auch stark gestiegen. Nicht zuletzt dank vieler aufmerksamer privater Helfer und erfahrenen Organisationen gegen Menschenhandel, die frühzeitig auf die Gefahr aufmerksam gemacht haben. So werden bereits seit Februar z.B. von der Polizei mehrsprachige Flugblätter, Anzeigen und Zugdurchsagen erstellt sowie Social-Media-Beiträge weitreichend geteilt, um sowohl BürgerInnen als auch Geflüchtete zu warnen [2, 3, 9, 10]

Leider sind Personen, die Privatunterkünfte für Geflüchtete anbieten in Deutschland nicht registrierungspflichtig, ebenso müssen die Geflüchteten sich in den ersten Wochen nicht behördlich melden [1, 3]. Dies erleichtert es Personen mit bösen Absichten sich unter die Hilfsangebote zu mischen: Reiseroute und Aufenthaltsort der betroffenen Frauen sind nirgendwo nachgehalten. Umso mehr sind die gefährdeten Frauen auf jeden einzelnen angewiesen, der aufmerksam hinschaut, welche Personen sich im Umfeld der Frauen aufhalten – auch über die Unterkunftsfindung hinaus.

Loverboys: Gefahr auch fernab der Ländergrenzen und Ankunftsstellen Leider ist die Gefährdung der betroffenen Frauen mit einer sicheren Unterkunft nicht aufgehoben, sondern setzt sich vielmehr in ganz alltäglichen Situationen durch so genannte „Loverboys“ fort [10]. Wir klären regelmäßig über die reale und noch viel zu unterschätzte Loverboy-Methode auf. „Loverboys“ täuschen meist jungen, vulnerablen Frauen eine romantische Beziehung vor, isolieren diese von ihrem sozialen Umfeld und stellen eine starke emotionale Abhängigkeit her, oftmals über einen langen Zeitraum. Unter Anwendung emotionaler und auch physischer Gewalt sind Loverboys schlussendlich in der Lage ihre „Freundinnen“ zu prostituieren – meist mit dem vorgetäuschten und nie eintretenden Versprechen einer sorgenfreien gemeinsamen Zukunft. Für viele Frauen, mit denen wir sprechen, war dies der Einstieg in die Prostitution (siehe z.B. letzter Blogeintrag: „Aus dem Leben einer Aussteigerin“). Wir vermuten, dass die im Milieu aktuell begehrten ukrainischen Frauen hierdurch auch fernab der typischen Ankunftsstellen gefährdet sind. Frauen, die verletzlich sind und Zuflucht suchen. Lasst uns gemeinsam sicherstellen, dass nicht das nächste Trauma hier in Deutschland auf sie wartet.

Was kannst Du tun?

  • Sag es weiter! Viele Menschen sind aktuell in Kontakt mit geflüchteten Frauen, also kläre dein Umfeld auf. Sprich darüber oder teile entsprechende Inhalte in sozialen Netzwerken.
  • Halte die Augen offen! Vielleicht kennst Du selbst geflüchtete Ukrainerinnen in Deinem Heimatort – sei wachsam was das Umfeld der Frauen angeht. Informiere die Polizei sowie Beratungsstellen und Hilfsorganisationen in der Nähe, wenn Du einen Verdacht hast. Melde Dich unabhängig von Deinem Wohnort auch gern bei uns – wir geben den Hilfsorganisationen in unserem deutschlandweiten Netzwerk Bescheid.

Mach’ nicht mit! Trage nicht zu der Nachfrage bei – weder mit Sexkauf noch dem Konsum pornografischer Inhalte. Dies ist unser Apell auch unabhängig von der aktuellen Situation, der nicht oft genug betont werden kann.


Quellen

  1. BAMF Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (22.04.2022). FAQ zur Einreise aus der Ukraine und dem Aufenthalt in Deutschland. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.bamf.de/DE/Themen/AsylFluechtlingsschutz/ResettlementRelocation/InformationenEinreiseUkraine/_documents/ukraine-faq-de.html;jsessionid=E242D0B0D487D69032ABE798803320F6.intranet672
  2. Constabel, S. (17.03.2022). Frauen auf der Flucht. Geflüchteten Frauen droht Gefahr aus dem Rotlichtmilieu. (L. Welzhofer, Interviewer) STN.DE Stuttgarter Nachrichten. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.frauen-auf-der-flucht-deutsche-freier-freuen-sich-auf-ukrainerinnen.db5271fc-7190-45fe-a867-8c7b5fd8b31f.html
  3. Deutscher Bundestag (25.04.2022). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU – Drucksache 20/1282 – Kriegsflüchtlinge schützen – Frauen und Kinder aus der Ukraine vor Menschenhandel und Zwangsprostitution bewahren. Abgerufen am 02.06.2022 von https://dserver.bundestag.de/btd/20/015/2001559.pdf
  4. Die Unsichtbaren Männer (kein Datum). Zitate von Männern, die Frauen kaufen. Instagramprofil. Storyhighlights „Ukraine Krieg“. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.instagram.com/stories/highlights/17936876524999631/
  5. DZI Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (28.04.2022). Spenden-Info „Nothilfe Ukraine“. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.dzi.de/wp-content/uploads/2022/04/DZI-Spenden-Info-Nothilfe-Ukraine.pdf
  6. Farley, M., Golding, J. M., Schuckman Matthews, E., Malamuth, N. M., & Jarrett, L. (2017). Comparing Sex Buyers With Men Who Do Not Buy Sex: New Data on Prostitution and Trafficking. Journal of Interpersonal Violence, 32(23), 3601–3625. DOI: 10.1177/0886260515600874
  7. Hirzel, I. (08.03.2022). Ukrainerinnen droht auf Flucht sexuelle Ausbeutung. (heute.at, Interviewer) heute.at. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.heute.at/s/ukrainerinnen-droht-sexuelle-ausbeutung-100194053
  8. KOK Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (2017). Policy Paper »Flucht & Menschenhandel – Betroffene erkennen, unterstützen, schützen«. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.kok-gegen-menschenhandel.de/fileadmin/user_upload/medien/Projekte/KOK_PolicyPaper_2017_WEB.pdf#page=23
  9. Pieper, O. (10.03.2022). Russlands Krieg gegen die Ukraine. Gefahr für geflüchtete Ukrainerinnen: Dubiose Übernachtungsangebote in Berlin. DW Deutsche Welle Global Media Forum. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.dw.com/de/gefahr-f%C3%BCr-gefl%C3%BCchtete-ukrainerinnen-dubiose-%C3%BCbernachtungsangebote-in-berlin/a-61078954
  10. Roller, D. (09.04.2022). Menschenhandel an den Grenzen zur Ukraine. »Die Nachfrage nach Frauen und Kindern aus der Ukraine ist enorm angestiegen«. (N. Abé, Interviewer) SPIEGEL Ausland. Abgerufen am 02.06.2022 von https://www.spiegel.de/ausland/menschenhandel-nachfrage-nach-frauen-und-kindern-aus-der-ukraine-ist-enorm-angestiegen-a-5d8276c5-ac0a-47b9-83e9-ad0ac8059f8b
  11. TALITA und SISTERS e.V. (2019). 10 MYTHEN ÜBER PORNOGRAFIE. Abgerufen am 02.06.2022 von https://sisters-ev.de/wp-content/uploads/2018/12/10myter-Porn_german.pdf