Schaden oder Chance? Die Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution – Teil 2/2: Die Chancen

In unserem letzten Blogeintrag haben wir die negativen Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution für Euch erläutert. Einer von vielen eher bedrückenden Blogeinträgen. Ohne das Leid der betroffenen Frauen zu schmälern, möchten wir im Folgenden auf die Chancen schauen, die sich aus der pandemiebedingten Situation ergeben. Eine Chance für die Frauen, eine Chance für Politik und Gesellschaft und zuletzt auch Deine ganz persönliche Chance etwas zu ändern. 

Durch Arbeitsverbot zum Ausstieg: Eine Chance für die Frauen

Nicht nur im Bereich der Prostitution hat die Corona-Situation Menschen in eine Notsituation gebracht. Frauen, die in der Prostitution tätig sind, berichten, dass eine durch Corona verursachte wirtschaftliche Notlage einige Frauen dazu bewegt hat wieder einzusteigen oder sogar „quereinzusteigen“. Jedoch zeigt die Erfahrung von uns und anderen Hilfsorganisationen auch, dass der Mut und die Bereitschaft auszusteigen in Zeiten von Corona größer werden. [11, 12]

Ein Ausstieg aus der Prostitution ist in vielen Fällen nicht als einfacher Jobwechsel anzusehen. Da die geschätzten Zahlen darauf schließen lassen, dass ein Großteil der Frauen aus einer Zwangslage heraus tätig ist, geht dies oft mit fatalen psychischen und körperlichen Schäden durch Gewalt, Demütigung, Lügen und Manipulation einher. Traumata und ein zerstörtes Selbstwertgefühl können den Ausstieg aus psychischer Sicht erheblich erschweren. Dabei ist die physische Komponente schon schwer genug: Für viele Frauen bedeutet ein Ausstieg mit Zuhältern zu brechen, sich zu verstecken, teils ohne Dokumente, Wohnung und berufliche Perspektive neu zu starten. Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind der Angst ausgesetzt, wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt zu werden, wo teilweise die Menschenhändler auf sie warten, die sie gewaltsam in die Zwangslage gedrängt haben. Jede dieser Frauen hat eine andere, ganz eigene Geschichte. Aber in jedem Fall handelt sich nicht um einen Jobausstieg, sondern um einen Ausstieg aus dem Milieu und aus dem bisherigen Leben. Das ist nicht einfach und erfordert zunächst viel Mut und dann harte Arbeit mit vielen Rückschlägen (mehr Infos zu den Themen Trauma und Ausstieg auch in vergangenen Blogeinträgen). [5, 10, 18]

Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden zusätzlichen Belastungen und Risiken, das zeitweise Arbeitsverbot und die anhaltende Unsicherheit stärken einige Frauen darin, einen Ausstieg realistisch in Betracht zu ziehen und den Mut zum Neustart zu fassen – ohne Neustarthilfe des deutschen Staates, aber dafür mit Hilfe von Organisation wie unserer oder vergleichbaren Initiativen, die jede Frau unterstützen, die die Chance ergreifen möchte. Diese Situation zeigt auch, dass die staatliche Unterstützung von Frauen in dieser Lage nicht gegeben ist, ein Umstand, an dem sich dringend etwas ändern muss.

Die Zwangslage von Frauen wird thematisiert: Eine Chance für Politik und Gesellschaft

Die verschlimmerte Situation der Frauen in der Prostitution führt zu einem verstärken Diskurs in Politik und Gesellschaft – nicht nur hier in Deutschland. Menschenhandel passiert über unsere Landesgrenzen hinweg. Zwangsprostitution muss also auch länderübergreifend bekämpft werden. Die Europäische Kommission und Europol warnen angesichts der Corona-Pandemie vor einem möglichen Anstieg des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung innerhalb der EU. Auch die Vereinten Nationen weisen in diesem Zusammenhang auf die schwierige Situation der Frauen hin und fordern die Mitgliedstaaten zum Schutz ihrer Menschenrechte auf. Vor diesem Hintergrund sieht auch die „EU Gender Equality Strategy 2020-2025“ vor, die Anliegen betroffener Frauen und Mädchen zum zentralen Punkt der politischen Entwicklung zu machen. Das bedeutet, dass gegen die mangelnde Strafverfolgung von Nachfragenden, Ausbeutenden und Profitnehmenden vorgegangen und sichergestellt werden soll, dass entsprechende Maßnahmen in den EU-Mitgliedsstaaten ergriffen werden. [10, 15]

Wie sieht es aktuell in Deutschland aus? Bereits im Mai 2020, zu Zeiten des Lockdowns, haben 16 Bundestagsabgeordnete aus SPD und CDU sich in einem Brief an die Regierungschefs dafür ausgesprochen, Prostitution auch nach dem Lockdown nicht mehr zu erlauben und ein Sexkaufverbot einzuführen. Das ist zwar nicht eingetreten, wird aber seitdem vermehrt diskutiert. Die Forderungen orientieren sich an dem so genannten Nordischen Modell, das unter anderem die Entkriminalisierung von Prostituierten und die Kriminalisierung von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern, sowie flächendeckende Ausstiegshilfen und Schutz der betroffenen Frauen beinhaltet – einschließlich derer aus dem Ausland (mehr Infos auch in vergangenen Blogeinträgen). Während zahlreiche Menschen- und Frauenrechtsorganisationen das Nordische Modell befürworten, liegen dazu aber auch kritische Stimmen vor, z.B. seitens der Deutschen Aidshilfe oder des Deutschen Frauenrats. Diese folgen der Argumentation, dass durch eine Kriminalisierung des Sexkaufs die Prostitution nur noch mehr im Verborgenen stattfindet. [1, 6, 9, 17]

Aus einem Positionspapier der CDU/CSU zu Beginn des Jahres 2021 lässt sich ein ähnlicher Ansatz herauslesen: Hier wird sowohl die selbstbestimmte, legale Prostitution anerkannt, jedoch auch der häufig in diesem Zusammenhang stattfindende Menschenhandel, die Zwangsprostitution und die Zuhälterei thematisiert. Letztere soll bekämpft werden z.B. durch ein Prostitutionsverbot für schutzbedürftige Gruppen (Heranwachsende unter 21 Jahren und Schwangere), eine verschärfte Freierstrafbarkeit und verbesserte Kontrollen und Strafverfolgung. Ein erstes Ergebnis konnte bereits verzeichnet werden: Im Sommer dieses Jahres wurde das Gesetz zur Freierstrafbarkeit verschärft. Freier, die vorsätzlich die Dienstleistung einer Zwangsprostituierten erkaufen, machen sich laut Gesetzgebung strafbar. Mit der Gesetzesänderung ist nicht nur vorsätzliches, sondern auch bereits leichtfertiges Handeln strafbar. Wenn ein Freier also nicht mit Sicherheit beurteilen kann, ob die Dienstleistung freiwillig erfolgt oder ob es Anzeichen für eine Zwangslage gibt (z.B. Verletzungen, Schmerzen oder Ekel, Eigentumstattoos auf den Frauen), kann er strafrechtlich verfolgt werden. [6, 7]

Vertreter des Nordischen Modells begrüßen diese Gesetzesänderung, fordern jedoch weitere Maßnahmen, die die Profiteure des Menschenhandels in Deutschland kriminalisieren. Denn die in z.B. Freierforen beschriebene Realität zeigt, dass Freier weiterhin gegen erkennbare Schmerzen und Widerwillen der Frauen ihr vermeintlich gekauftes Recht auf Sex durchsetzen und die Penetration der Frauen sogar genießen [6, 14].

Seit Dezember ist die neue rot-grün-gelbe Bundesregierung im Amt. Wir blicken gespannt darauf, wie diese sich in der Diskussion positioniert und verhält. Bei aller Erschütterung über die anhaltend menschenunwürdige Situation der Frauen, erkennen wir doch auch eine positive Folge der Pandemie: Die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist erhöht und die vermehrten Forderungen nach einer Verschärfung der Gesetzeslage und realistischen Ausstiegshilfen werden zumindest gehört. Eine echte Chance, die wir gemeinsam ergreifen können.

Was kannst Du persönlich tun?

Die beschriebene Lage der Frauen in Armut- und Zwangsprostitution kann zu dem Eindruck führen, dass Du als einzelne Person daran sicher nichts ändern kannst. Ermittlungsbehörden, Politik und Gesetzgebung müssen dieses Problemfeld neu in Angriff nehmen – das fühlt sich weit weg an von uns und unserem Alltag. Damit hast Du natürlich Recht und dennoch bist Du wichtig für den Veränderungsprozess. Jeder Einzelne kann ein Stück Verantwortung übernehmen, sodass wir als Gesellschaft gemeinschaftlich etwas bewegen. Hier also drei konkrete Dinge, die Du tun kannst:

  1. Sprich über die Situation der Frauen in Armuts- und Zwangsprostitution in Deutschland.
    Für viele Mitbürger*innen ist dies kein alltägliches Thema und es herrscht Unwissenheit. Mach darauf aufmerksam.
  2. Verfolge die politisch-gesellschaftliche Diskussion und bilde Dir eine Meinung.
    Informiere Dich über die aktuelle Gesetzeslage, über Ansätze wie das Nordische Modell, über die verschiedenen Positionen, die sich dafür oder dagegen aussprechen und über die verschiedenen Frauen- und Menschenbilder, die dahinterstehen – was ist Deine Position?
  3. Hör Frauen aus der Prostitution und Aussteiger*innen zu.
    Diese wissen am besten, wovon sie sprechen – und wovon wir sprechen dürfen, bevor wir uns in die Diskussion um dieses Thema einbringen.
  4. Unterstütz Organisationen, die Ausstiegshilfe oder Präventionsarbeit leisten.
    Die Politik steht mit der Diskussion zu flächendeckenden Ausstiegs- und Präventionsprogrammen noch am Anfang – viele Organisationen leisten spendenbasiert bereits jetzt tolle Arbeit in diesem Bereich. Bewerte für Dich, ob und wie Du helfen kannst.

Weiterführende Blogeinträge von Projekt Schattentöchter

Quellen

Die angegebenen Quellen beziehen sich auf die beiden zusammenhängenden Blogeinträge zum Thema: „Schaden oder Chance? Die Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution“

  1. Ärzteblatt (2020). Bundestagsabgeordnete für generelles Sexkaufverbot. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113000/Bundestagsabgeordnete-fuer-generelles-Sexkaufverbot
  2. BR24 (2021).Zwangsprostitution: Druck durch Strafverfolgung wächst. https://www.br.de/nachrichten/bayern/zwangsprostitution-druck-durch-strafverfolgung-waechst,Sew6BPB
  3. BR24 (2021).Mehr illegale Prostitution: Sexarbeit spürt noch Corona-Folgen.https://www.br.de/nachrichten/bayern/mehr-illegale-prostitution-sexarbeit-spuert-noch-corona-folgen,SkqWiWd
  4. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2021). Frauen vor Gewalt schützen. Fragen und Antworten zum Prostituiertenschutzgesetz. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/prostituiertenschutzgesetz/prostituiertenschutzgesetz-fragen-und-antworten
  5. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013). Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/prostituiertenschutzgesetz/prostituiertenschutzgesetz-fragen-und-antworten
  6. Bündnis Nordisches Modell (2021). Pressemitteilung 4/2021. Bündnis Nordisches Modell begrüßt die Verschärfung des § 232 a Abs. 6 StGB – die Freierstrafbarkeit. https://www.xn--bndnis-nordischesmodell-cpc.de/
  7. CDU/CSU (2021). Prostituierte schützen – Zwangsprostitution bekämpfen – Ausstiegsangebote stärken. Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. ﷟https://www.cducsu.de/sites/default/files/2021-02/PP%20Prostituierte.pdf  
  8. DESTATIS Statistisches Bundesamt (2021). Ende 2020 rund 24.900 Prostituierte bei Behörden angemeldet. Weniger angemeldete Prostituierte im Corona-Jahr 2020. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_314_228.html
  9. Deutsche Aidshilfe e.V., Deutscher Frauenrat e.V., Deutscher Juristinnenbund e.V., Diakonie Deutschland e.V., Dortmunder Mitternachtsmission e.V., contra (2019). Gemeinsames Positionspapier. Unterstützung statt Sexkaufverbot. https://www.djb.de/fileadmin/user_upload/pm19-40_ggSexkaufverbot_Positionspapier.pdf
  10. Deutschlandfunk (2020). Prostitution / „Die Mehrheit der Frauen macht es nicht freiwillig“. Barbara Schmid im Gespräch mit Jürgen Zurheide. https://www.deutschlandfunk.de/prostitution-die-mehrheit-der-frauen-macht-es-nicht-100.html
  11. Deutschlandfunk (2021). Prostitution in Coronazeiten / „Die Freier wollen trotzdem Sex“. https://www.deutschlandfunk.de/prostitution-in-coronazeiten-die-freier-wollen-trotzdem-sex-100.html
  12. Deutschlandfunk Nova (2020). Krise als Chance. Dank Corona: Ausstieg aus der Zwangsprostitution. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/ausstieg-aus-der-zwangsprostitution-nebeneffekt-der-corona-krise
  13. Die Bundesregierung (2021). Corona. Das sind die geltenden Regeln und Einschränkungen. Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 18. November 2021. ﷟https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/1982598/defbdff47daf5f177586a5d34e8677e8/2021-11-18-mpk-data.pdf?download=1%22  
  14. Dieunsichtbarenmaenner (n.d.). Die unsichtbaren Männer. Zitate von Männern, die Frauen kaufen. Instagramprofil. https://www.instagram.com/dieunsichtbarenmaenner/
  15. European Commission (2020). Third report on the progress made in the fight against trafficking in human beings (2020) as required under Article 20 of Directive 2011/36/EU on preventing and combating trafficking in human beings and protecting its victims. https://ec.europa.eu/anti-trafficking/third-report-progress-made-fight-against-trafficking-human-beings_de
  16. Frankfurter Allgemeine Zeitung (2021). CORONA-FOLGEN BEI SEXARBEIT: Mehr Prostitution im Verborgenen. https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/corona-folgen-mehr-prostitution-im-verborgenen-17568814.html
  17. TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. (2021). TERRE DES FEMMES fordert in der Lockdown-Notsituation die Entkriminalisierung von Prostituierten und flächendeckende Hilfs- und Ausstiegsangebote. https://www.frauenrechte.de/presse/aktuelle-pressemitteilungen/4536-terre-des-femmes-fordert-in-der-lockdown-notsituation-die-entkriminalisierung-von-prostituierten-und-flaechendeckende-hilfs-und-ausstiegsangebote
  18. TRAUMA AND PROSITUTION. SCIENTISTS FOR A WORLD WITHOUT PROSTITUTION (2018). Nie wieder Prostitution. Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus. https://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/12/28/nie-wieder-prostitution/