Schaden oder Chance? Die Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution – Teil 1/2: Die Schäden

Viele Menschen erleben derzeit ein Déjà-vu. Deutschland steckt mitten in der „vierten Welle“, Corona ist längst in die politische Diskussion und das gesellschaftliche Bewusstsein zurückgekehrt. Die Impfquote zu gering, die Anzahl der Intensivpatienten zu hoch – und das hart erarbeitete Gefühl von Normalität schwindet langsam wieder. Und Deutschland verlängert Überbrückungshilfe, Neustarthilfe und Kurzarbeitergeld für alle Betroffenen – noch einmal [13].
Wie ergeht es Frauen in der Prostitution in dieser Lage? Gelten Unterstützungs- und Überbrückungsleistungen auch für sie? Welchen Schaden tragen sie davon? Und: Ist eine Rückkehr in die „Normalität“ überhaupt erstrebenswert oder bietet gerade die aktuelle Situation am Ende eine Chance für den Ausstieg? In den nächsten beiden Blogeinträgen fassen wir die aktuelle Lage für Euch zusammen und zeigen auf, wie eine Neustarthilfe der ganz anderen Art aussehen muss.

Die Nachfrage steigt, das Angebot findet im Dunkeln statt – mit erheblichen Schäden
Prostitution ist seit 2002 in Deutschland als Beruf anerkannt, womit Prostituierte sich z.B. auch gesetzlich sozial versichern können. Das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 erfordert zudem, dass Prostituierte sich behördlich registrieren und Prostitutionsgewerbe (z.B. Bordelle) eine Erlaubnis einholen. Bordelle sind damit auch legale, steuerzahlende Betriebe, die Anspruch auf die oben genannten Unterstützungshilfen im Rahmen der Pandemie haben. Auch Frauen, die als selbstständig gemeldet sind, können Unterstützung erhalten. So weit, so gut. Nun ein Blick auf die Zahlen: Ende 2019 waren laut Statistischem Bundesamt ca. 40.400 Prostituierte bei Behörden gemeldet, Ende 2020 rund 24.900 – also 38% weniger als im Vorjahr. Für den Rückgang dieser Zahl werden die pandemiebedingten Umstände genannt. Dass durch die Pandemie auch die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen sinkt, ist allerdings nicht anzunehmen. Berichten von Frauen zufolge steigt die Nachfrage sogar. [4, 8, 12]
Wie ist diese Rechnung also aufgegangen? Im Wesentlichen lassen sich dafür zwei Gründe anführen: Viele Frauen, die vor der Pandemie (zumindest auf dem Papier) legal in Prostitutionsgewerben oder selbstständig tätig waren, haben auch zu „Lockdown“-Zeiten illegal weitergearbeitet – z.B., weil das Geld nicht ausreichte oder gar nicht erst bei ihnen angekommen ist. Damit können sie sich nicht auf Hygienevorschriften wie Test-/Maskenpflicht und Kontaktnachverfolgung berufen und sind Freiern ausgesetzt, die sie z.B. erpressen und mit der Meldung der illegalen Tätigkeit drohen. [2, 11, 12, 16, 17]
Frauen, die vorher gemeldet waren, haben sich also in die Illegalität bewegt – und sie sind dort nicht allein. Denn der viel größere Anteil an Frauen in der Prostitution ist auch schon vor Corona nicht gemeldet gewesen und agiert im Dunkeln. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl der nicht gemeldeten Frauen auf 200.000-400.000 – zum großen Teil Frauen aus Südosteuropa, aber auch aus Afrika oder Lateinamerika (mehr Infos auch in vergangenen Blogeinträgen). Zuhälter und Menschenhändler stellen sicher, dass das Geschäft auch zu Corona-Zeiten fortgesetzt wird: Wenn der „klassische“ Vertriebsweg über Bordelle oder den Straßenstrich reglementiert wird, kommen verstärkt andere Wege zum Einsatz, wie z.B. Internetforen, oder das Geschäft wird in EU-Nachbarstaaten verlegt, in denen andere Bestimmungen gelten. [2, 11, 12, 16]
Während Frauen in dieser Zwangslage sich bereits vor der Pandemie auf keinerlei Rechte berufen konnten (z.B. das Einverständnis mit gewünschten Praktiken oder die verpflichtende Nutzung eines Kondoms), verschärft sich die Situation durch Corona zusätzlich. Neben den ohnehin schon immensen mentalen und körperlichen Belastungen sind die betroffenen Frauen dem Risiko und den Ängsten vor einer Infektion ausgesetzt. Sie haben keinen Anspruch auf Unterstützungsleistungen, kennen zumeist auch ihre Rechte nach deutscher Gesetzgebung nicht und können dem politischen und medialen Diskurs aufgrund von sprachlichen Barrieren nur schwer folgen [1, 3, 11].
Im Ergebnis lässt sich festhalten: Durch die Pandemie haben Frauen in Prostitution, Armuts- und Zwangsprostitution erheblichen Schaden davongetragen, u.a. in Form von Krankheitsrisiken, Angst, Unsicherheit und (noch mehr) Demütigung. Es bleibt kritisch zu hinterfragen, ob sich in einer nunmehr zwei Jahre anhaltenden Pandemie denn nichts an der fatalen Situation der Frauen geändert hat. Umso mehr legen die Folgen der Corona-Pandemie in diesem Bereich offen, wie sehr die Frauen im Schatten von Gesellschaft und Politik in Deutschland stehen.
Doch die Folgen der Corona-Pandemie sind nicht ausschließlich negativ einzuordnen – wie so oft entstehen mit großem Leid auch neue Chancen. Wer kann diese ergreifen? Und was hast Du damit zu tun? Im zweiten Teil des Blogs schauen wir auf die positive Seite, denn es gibt auch Hoffnungsschimmer in dieser dunklen Branche, auf die wir blicken wollen. Bleib dran! ☺

Weiterführende Blogeinträge von Projekt Schattentöchter

  • Schaden oder Chance? Die Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution – Teil
    2/2: Die Chancen (Veröffentlichung zeitnah)
  • Osteuropäischer Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung (2021).
    https://projekt-schattentoechter.de/osteuropaeischer-menschenhandel-zum-zwecksexueller-
    ausbeutung
  • Nigerianischer Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung (2021).
    https://projekt-schattentoechter.de/nigerianischer-menschenhandel-zum-zweck-sexuellerausbeutung


    Quellen
    Die angegebenen Quellen beziehen sich auf die beiden zusammenhängenden Blogeinträge zum
    Thema: „Schaden oder Chance? Die Folgen der Corona-Pandemie für Frauen in der Prostitution“
  1. Ärzteblatt (2020). Bundestagsabgeordnete für generelles Sexkaufverbot.
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113000/Bundestagsabgeordnete-fuer-generelles-
    Sexkaufverbot
  2. BR24 (2021). Zwangsprostitution: Druck durch Strafverfolgung wächst.
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/zwangsprostitution-druck-durch-strafverfolgungwaechst,
    Sew6BPB
  3. BR24 (2021). Mehr illegale Prostitution: Sexarbeit spürt noch Corona-Folgen.
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/mehr-illegale-prostitution-sexarbeit-spuert-nochcorona-
    folgen,SkqWiWd
  4. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2021). Frauen vor Gewalt
    schützen. Fragen und Antworten zum Prostituiertenschutzgesetz.
    https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/
    prostituiertenschutzgesetz/prostituiertenschutzgesetz-fragen-und-antworten
  5. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013). Lebenssituation,
    Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Ergebnisse der repräsentativen
    Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.
    https://www.bmfsfj.de/resource/blob/94200/d0576c5a115baf675b5f75e7ab2d56b0/
    lebenssituation-sicherheit-und-gesundheit-von-frauen-in-deutschland-data.pdf
  6. Bündnis Nordisches Modell (2021). Pressemitteilung 4/2021. Bündnis Nordisches Modell
    begrüßt die Verschärfung des § 232 a Abs. 6 StGB – die Freierstrafbarkeit.
    https://www.xn--bndnis-nordischesmodell-cpc.de/
  7. CDU/CSU (2021). Prostituierte schützen – Zwangsprostitution bekämpfen –
    Ausstiegsangebote stärken. Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag.
    https://www.cducsu.de/sites/default/files/2021-02/PP%20Prostituierte.pdf
  8. DESTATIS Statistisches Bundesamt (2021). Ende 2020 rund 24.900 Prostituierte bei
    Behörden angemeldet. Weniger angemeldete Prostituierte im Corona-Jahr 2020.
    https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/PD21_314_228.html
  9. Deutsche Aidshilfe e.V., Deutscher Frauenrat e.V., Deutscher Juristinnenbund e.V., Diakonie
    Deutschland e.V., Dortmunder Mitternachtsmission e.V., contra (2019). Gemeinsames
    Positionspapier. Unterstützung statt Sexkaufverbot.
    https://www.djb.de/fileadmin/user_upload/pm19-40_ggSexkaufverbot_Positionspapier.pdf
  10. Deutschlandfunk (2020). Prostitution / „Die Mehrheit der Frauen macht es nicht freiwillig“.
    Barbara Schmid im Gespräch mit Jürgen Zurheide.
    https://www.deutschlandfunk.de/prostitution-die-mehrheit-der-frauen-macht-esnicht-
    100.html
  11. Deutschlandfunk (2021). Prostitution in Coronazeiten / „Die Freier wollen trotzdem Sex“.
    https://www.deutschlandfunk.de/prostitution-in-coronazeiten-die-freier-wollen-trotzdemsex-
    100.html
  12. Deutschlandfunk Nova (2020). Krise als Chance. Dank Corona: Ausstieg aus der
    Zwangsprostitution.
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/ausstieg-aus-der-zwangsprostitutionnebeneffekt-
    der-corona-krise
  13. Die Bundesregierung (2021). Corona. Das sind die geltenden Regeln und Einschränkungen.
    Videoschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und
    Regierungschefs der Länder am 18. November 2021.
    https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/1982598/
    defbdff47daf5f177586a5d34e8677e8/2021-11-18-mpk-data.pdf?download=1%22
  14. Dieunsichtbarenmaenner (n.d.). Die unsichtbaren Männer. Zitate von Männern, die Frauen
    kaufen. Instagramprofil.
    https://www.instagram.com/dieunsichtbarenmaenner/
  15. European Commission (2020). Third report on the progress made in the fight against
    trafficking in human beings (2020) as required under Article 20 of Directive 2011/36/EU on
    preventing and combating trafficking in human beings and protecting its victims. https://
    ec.europa.eu/anti-trafficking/third-report-progress-made-fight-against-trafficking-humanbeings_
    de
  16. Frankfurter Allgemeine Zeitung (2021). CORONA-FOLGEN BEI SEXARBEIT: Mehr Prostitution
    im Verborgenen.
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/corona-folgen-mehr-prostitution-imverborgenen-
    17568814.html
  17. TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. (2021). TERRE DES FEMMES fordert
    in der Lockdown-Notsituation die Entkriminalisierung von Prostituierten und
    flächendeckende Hilfs- und Ausstiegsangebote.
    https://www.frauenrechte.de/presse/aktuelle-pressemitteilungen/4536-terre-des-femmesfordert-
    in-der-lockdown-notsituation-die-entkriminalisierung-von-prostituierten-undflaechendeckende-
    hilfs-und-ausstiegsangebote
  18. TRAUMA AND PROSITUTION. SCIENTISTS FOR A WORLD WITHOUT PROSTITUTION (2018).
    Nie wieder Prostitution. Ein Text von Sandra Norak und Dr. Inge borg Kraus.
    https://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/12/28/nie-wieder-prostitution/