Osteuropäischer Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung

Am 30. Juli durften wir Kooperationspartner einer Aktion von zwei Studenten sein, die unter dem Begriff „Wa(h)re Mensch“ lief. In diesem Zusammenhang gab es nicht nur eine Plakataktion in Koblenz sondern auch die Möglichkeit, an einer Vortragsreihe teilzunehmen. In den folgenden Tagen wollen wir mit unserem Blog die Vorträge rekapitulieren und Audiomaterial der Vorträge zur Verfügung stellen.

„Der hohen Nachfrage in Deutschland kann nur durch Menschenhandel begegnet werden“

Mit dieser Aussage bezog sich Angelika Franke, Geschäftsführerin von Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V., die den ersten Vortrag präsentierte, auf Erkenntnisse der Polizei aus erfolgreich verlaufenen Ermittlungen gegen zwei Großbordelle in Augsburg und Stuttgart. Sie gab uns einen anschaulichen Einblick in den osteuropäischen Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung in Deutschland.

In Deutschland kommen schätzungsweise 70 bis 90 Prozent der Frauen, die die deutsche Nachfrage nach Prostituierten erfüllen, aus dem Ausland – viele davon aus Osteuropa.

Ein Großteil der Frauen in der Prostitution prostituieren sich aus einem Zwang oder einer Notlage heraus. Neben Armut und emotionalen Zwängen spielt aber auch Menschenhandel immer wieder eine Rolle. Es gibt Fälle wo bekannt wurde, dass Frauen wie in einem Katalog bestellt werden konnten (nach Haarfarbe, Konfektionsgröße, Alter usw.). Bei Nachforschungen in Augsburg stellte sich beispielsweise heraus, dass der Bordellbesitzer regelmäßig Frauen bei einem Großhändler aus Südosteuropa „bestellt“ hatte – mit Umtauschgarantie. Ein Bordellbetreiber aus Stuttgart wiederum sagte nach seiner Festnahme: Die Zusammenarbeit mit den Menschenhändlern sei wichtig gewesen, um den Erfolg des Bordells überhaupt zu garantieren. Offensichtlich hätten sie den Nachschub anders gar nicht wirklich hinkriegen können, erklärt Frau Franke. Der hohen Nachfrage könne nur mit Kriminalität begegnet werden, sie sei anders nicht mehr erfüllbar. In diesem Zusammenhang betont sie die Verantwortung, die wir als Deutsche haben. Ein Team von Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V., das sich in Rumänien mit einigen Gremien und Polizisten unterhielt, stellte die Frage, was wir in Deutschland tun könnten um sie zu unterstützen. Die Antwort war: „Seht zu, dass eure Nachfrage einfach abnimmt. Es zieht unsere Frauen ab und es ist sehr schwer dem zu begegnen.“

Dennoch hat Osteuropa natürlich ebenfalls eine Verantwortung zu tragen. Länder wie Rumänien haben häufig mit Korruption und Armut zu kämpfen. Es mangelt an Bildung und sozialen Hilfen. Es gibt Fälle von Kinderheimen, die in den Menschenhandel involviert sind, Dörfer von Roma-Menschen, die aufgrund von Diskriminierung offiziell nicht existieren und Behörden, die die Augen schließen oder denen die Hände gebunden sind. Diese Bedingungen machen es den Menschenhändlern einfach, an Frauen und Kinder zu kommen, deren Verschwinden unbemerkt bleibt oder die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf fragwürdige Angebote einlassen. Die Anwerbungen können zum Beispiel in Form von falschen Jobversprechen oder über die Loverboy-Methode (dem Vortäuschen einer Liebesbeziehung) erfolgen.

Ebenfalls sind Fälle bekannt, wo Familien ihre eigenen Töchter nach Deutschland schicken und selbst zu einem Teil des ausbeuterischen Systems werden. Es kommen aber auch Frauen nach Deutschland, die aus finanzieller Not und Perspektivlosigkeit die Prostitution in Kauf nehmen, mit der Hoffnung baldmöglichst eine andere Arbeitsstelle zu finden.

Hier in Deutschland wenden sich die meisten Betroffenen nicht an die Behörden, weil sie von den Tätern abhängig sind, isoliert werden, weder die Sprache verstehen noch ihre Rechte kennen und außerdem –  oft aus eigener Erfahrung in ihren Heimatländern – mit korrupten Ansprechpartnern rechnen. Sie haben häufig weder Geld noch irgendeine medizinische Versorgung. Ihr Arbeitsumfeld ist geprägt von Gewalt, riskanten Sexualpraktiken, Vergewaltigungen und in manchen Fällen auch von erzwungenem Drogenkonsum. Ganz zu schweigen vonanderen Formen des Machtmissbrauchs, z.B. in Form von zu langen Arbeitszeiten. Frau Franke merkte an: „Wir haben Frauen an der Kurfürstenstraße getroffen, die dort 38 Stunden standen. Das ist zwar nicht immer so, aber ein 15-Stunden-Tag ist durchaus normal.“

Der Ausstieg

Selbst wenn der Ausstieg dann gewagt wird, liegt noch ein langer Weg vor den Frauen. Auch ein Ausstieg aus der Prostitution ist in keiner Weise vergleichbar mit einem „gewöhnlichen“ Berufswechsel. Die Frauen werden meist mit vielen Problemlagen gleichzeitig konfrontiert und brauchen daher häufig Unterstützung. Wie viel mehr dann, wenn sie dem Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung entfliehen. Die Familie spielt dabei häufig eine große Rolle. Auch wenn sie nicht an der Tat beteiligt ist, wird sie von Menschenhändlern oft als Druckmittel genutzt: Die Drohung, der Familie etwas anzutun, erweist sich immer wieder als ein äußerst effektives Mittel, um die Frauen einzuschüchtern und gefügig zu machen.

Darüber hinaus muss die materielle Versorgung der Frauen sichergestellt und die gesundheitliche Versorgung sowie die Begleitung in der Traumabewältigung gewährleistet sein. Wenn die Frauen dann ausgestiegen sind, zur Ruhe kommen und beginnen nicht mehr im „Überlebensmodus“ zu agieren, beginnt erst die Trauma-Verarbeitung. Das bedeutet Albträume, psychosomatische Schmerzen, lange schlaflose Nächte und vieles andere mehr. Und diese sind bei weitem nicht die einzigen Hürden, die auf diese Frauen zukommen. Ein Ausstieg bedeutet oft einen kompletten Schnitt mit dem alten Leben.

Trotz all der Schwierigkeiten betont Frau Franke jedoch, dass der Ausstieg möglich ist: „… Sie können aussteigen, es gibt Perspektiven, aber es ist ein langer Weg.“