Leben in der Prostitution – Zwang und der äußere Schein

Im Duden wird Zwang definiert als die Einwirkung von außen auf jemanden unter Anwendung oder Androhung von Gewalt sowie einen starken Einfluss, dem sich jemand nicht entziehen kann oder auch die Bestimmung der Situation in einem Bereich durch eine unabänderliche Gegebenheit oder eine Notwendigkeit.[1]

So breit wie diese Definition ist, so viele Ausprägungen von Zwang zeigen sich auch im Bereich der Zwangsprostitution.

Wie genau sieht Zwang in der Prostitution aus?

Zwang ist hier meist untrennbar mit Gewalt verbunden. Wenn von Gewalt die Rede ist, beinhaltet das nicht nur physische, sondern auch psychische, wirtschaftliche, verbale und sexuelle Gewalt (wie im letzten Blog bereits beschrieben). Es liegt dabei jedoch in der Natur der Gewalt und des Zwangs, dass es nicht immer möglich ist, einer Person anzusehen, ob bzw. wie stark sie sich unter der Einflussnahme einer anderen Person befindet.

Die Loverboy-Methode ist ein passendes Beispiel hierfür. Eine ehemalige Prostituierte, die durch diese Methode in die Prostitution gedrängt worden war, beschreibt offen ihr damaliges Leben und ihre damalige Beziehung zu Jürgen (Name geändert): Sie erzählt davon, wie er sie, nachdem er eine starke emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hatte, in die Prostitution drängte und lange geschickt verhinderte, dass sie eine Ausstiegsmöglichkeit für sich selbst sah.Nach außen hin hielt sie aber ein Scheinbild ihrer Umstände hoch. Sie beschreibt:

„Er hat mir mal gesagt, mich hätte er am meisten von allen Frauen geschlagen. Die anderen hätten sich besser eingefügt. Trotzdem habe ich damals jedem, der es wissen wollte, gesagt: Es macht mir nichts aus. Meine allerbeste Freundin aus der Schulzeit, die Nicki, hat mich mal besucht. Der habe ich erzählt – sie hat mich erst kürzlich wieder daran erinnert –, dass ich mit dem Leben als Hure überhaupt keine Probleme hätte, dass man doch damit prima Geld verdienen kann, sie solle das auch ruhig machen, und dass ich den Sex mit Jürgen und den Sex mit den Kunden prima trennen könne. Ich war so drauf (…): „Das macht einem nix, das schadet nicht, wir brauchen nur noch eine Sozialversicherungsnummer.“ Alle Hu­ren reden so – solange sie drin sind. Ich hatte eben immer noch die Illusion: Der Jürgen liebt mich.“[2]

Man sieht einem Zwang nicht immer an

Dieses Zitat spiegelt wider, was wir vom Team ebenfalls erleben: In der ersten Begegnung mit den meisten Prostituierten hören wir häufig Sätze wie: „Ich mache das freiwillig!“ – „Es ist zwar anstrengend aber ich kann damit super meine Familie versorgen.“ – Oder einfach: „Uns geht es sehr gut!“. Aber sobald Vertrauen entsteht, was meist eine sehr lange Zeit dauert, öffnen sich die Betroffenen mehr. Wir hören von herzzerreißenden Erlebnissen, schweren Schicksalen und bedrohlichen Situationen. Plötzlich heißt es dann: „Ja, die Arbeit ist die Hölle. Aber ich muss.“

Es ist nicht immer die Waffe, die einem an den Kopf gehalten wird. Es sind auch nicht immer die blauen Flecken auf der Wange. Zwang kann, genauso wie Gewalt, im Hintergrund laufen und das Opfer mit unsichtbaren Ketten festbinden. Ketten, die stärker halten als so manche physische Gewalt. Wir wissen von Opfern, deren Familie als Druckmittel genutzt wurden oder wo sogar eigene Familienmitglieder begannen Druck auszuüben. Es gibt Zuhälter, die mit schwerer psychischer Gewalt absichtlich Persönlichkeitsspaltungen hervorrufen, um ihre Frauen „gefügiger“ zu machen. Loverboys, die ihre Opfer emotional an sich binden, Zuhälter, die Frauen aus Elendsvierteln aufsuchen und verunsicherte junge Frauen, die nach einem Auslandssemester nicht mehr nach Hause kommen. All das ist Realität und all das passiert vor unseren Augen. Das Problem des Zwangs kann nicht dadurch gelöst werden, dass eine Prostituierte einmalig nach ihrem Wohlergehen gefragt wird. Wir müssen aufhören den Schaden zu „managen“ und lernen genauer hinzusehen, damit das Problem an der Wurzel gepackt werden kann.


[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Zwang (letzter Zugriff: 30.06.21)

[2] https://www.emma.de/artikel/ich-war-prostituierte-die-wahrheit-kannst-du-dir-nicht-leisten-266192 (letzter Zugriff: 30.06.21)