Leben in der Prostitution – Gewalt

In unserem letzten Blogeintrag haben wir uns mit dem Frauenbild in der Prostitution beschäftigt. In diesem Satz kommt oft „dass“ vor, ich würde es anders formulieren so z.B.: Dabei ist aufgefallen, dass das Gedankengut der Freier häufig verdreht ist. Die Prostituierten werden als Ware entwertet und die Hemmschwelle für Gewalttaten ist dadurch sehr niedrig. In dem folgenden Blogeintrag wollen wir die Gewalt betrachten, die daraus resultiert.  

Was ist Gewalt?

Um über Gewalt zu sprechen ist es nötig vorerst „Gewalt“ zu definieren. Der Überbegriff wurde im Rahmen des Übereinkommens zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt des Europarates 2011 in folgende Formen aufgeteilt: Physische, psychische, wirtschaftliche, verbale und sexuelle Gewalt.[1] Es handelt sich um „alle Handlungen geschlechtsspezifischer Gewalt, die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen oder führen können, einschließlich der Androhung solcher Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsentziehung, sei es im öffentlichen oder privaten Leben[2].  

Welche Formen und in welchem Ausmaß begegnet den Frauen in der Prostitution Gewalt?

Da es nicht viele Studien zu dem Thema gibt und das Feld der Prostitution nach wie vor von einer außergewöhnlich hohen Dunkelziffer bestimmt wird, ist es nicht leicht fundierte Zahlen und Fakten zu dieser Problematik zu finden. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde im Jahr 2002 bis 2004 eine große bundesdeutsche Repräsentativuntersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland durchgeführt.[3] Unter der Projektleitung Prof. Dr. Ursula Müller und Dr. Monika Schröttle wurden verschiedenste Gewaltformen- und Kontexte erfasst. Unter anderem die Teilpopulation der Prostituierten. Dabei wurde festgestellt, dass die Menge der vorherrschenden Gewalt „der beiden Teilpopulationen Prostituierte und Inhaftierte (…) bei psychischer und physischer Gewalt etwa zwei- bis dreimal [so hoch ist wie im Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung in Deutschland“ (S.26).  Bei sexueller Gewalt finden wir ein fast 5-fach höheres Ausmaß.

Anders formuliert: Das Leben einer Prostituierten in etwa so gewaltvoll ist wie das einer Inhaftierten. Wo, wie eben erwähnt, die sexuelle Gewalt etwa 5 mal so intensiv ist wie bei anderen Frauen in Deutschland. Ebenso wird in der Erfassung der physischen Gewalthandlungen deutlich: Die physische Gewalt, die den Frauen begegnet, ist nicht nur erniedrigend, sondern oft auch massiv. „Insgesamt 91 der 110 Befragten, das sind 83% der gesamten Stichprobe, gaben hier an, mindestens eine [Art von Gewalt] erlebt zu haben.“ (S.33) Die Prostituierten gaben – wie in anderen Untersuchungsgruppen auch – am häufigsten Handlungen wie wütendes Wegschubsen, leichte Ohrfeigen und schmerzhaftes Treten an, jedoch hat ein großer Teil von etwa 28 – 40 % der betroffenen Frauen auch Angaben zu sehr massiven Gewalthandlungen gemacht. Hierunter fallen: „Bedrohung durch eine Waffe (34%), gewürgt werden (28%), verprügelt oder mit Fäusten geschlagen werden (jeweils 39%), sowie Morddrohungen (37%).“ (S.33). Die Autoren geben zudem an, dass aus den Zahlen ersichtlich sei, dass fast alle der angegebenen Handlungen körperlicher Gewalt „zumeist mehrmals erlebt wurden“ (S.34) und es fällt auf, „dass ein nicht unerheblicher Teil der genannten Gewalthandlungen im Zusammenhang mit der Prostitution erlebt wurde.“ (S.35)

Es wird klar, dass in dem Prostitutionsmilieu eine sehr viel höhere Ansammlung von verschiedensten Gewaltformen als in anderen Gruppen der Studie vorherrscht. Exodus Cry, eine Non-Profit-Organisation die sich für die Abschaffung der legalen kommerziellen Sexindustrie einsetzt, drückt es noch direkter aus: „Our society has created laws against workplace sexual harassment – but in prostitution the job is sexual harassment“[4] Übersetzt bedeutet das: „Unsere Gesellschaft hat Gesetze erschaffen, um gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vor zu gehen – aber in der Prostitution ist die Arbeit selbst sexuelle Belästigung.“

Anders als in der Studie sagt Exodus Cry damit: Wir sehen nicht nur die Gewalt, die das Bundesministerium sieht, wir sehen, dass der Beruf selbst schon Gewalt bedeutet. Eine Frau zu kaufen und damit ihren Wert zu beschränken, um ihren Körper rücksichtslos gebrauchen zu können ist schon Gewalt. Ganz abgesehen von den Praktiken, die in der Prostitution alltäglich sind und die wohl die wenigsten PartnerInnen freiwillig mit sich machen lassen würden, weil sie schmerzen und nur auf eine einseitige Befriedigung ausgelegt sind.

Wie oben erwähnt wird Gewalt dadurch definiert, dass beispielsweise eine Nötigung vorliegt. Jeder Mann, der eine Frau kauft, muss sich bewusst sein, dass viele Frauen auf das Geld angewiesen sind, dass sie durch die Prostitution erarbeiten. Es existiert ein hoher finanzieller Druck. Mit dem Kauf einer Frau nutzt der Freier diesen Druck aus, um sich ihren Körper zu eignen zu machen.

Ebenso wird Gewalt dadurch definiert, dass das Opfer einen durch die Handlung verursachten Schaden davonträgt. Diese Schäden sind beispielsweise psychisch und können ausgeprägte Traumata umfassen. Hierbei sei angemerkt, dass wir uns als Team immer wieder für den Umgang mit traumatisierten Frauen schulen lassen müssen, weil wir im hohem Maße mit ehemaligen Prostituierten zu tun haben, die aufgrund ihrer Arbeit seelisch verletzt und traumatisiert zurückgelassen werden.

In der Studie heißt es weiter: „Im Vergleich zu den Ergebnissen der Hauptuntersuchung fällt auf, dass fast alle Formen von sexueller Belästigung, insbesondere bedrohlichere Formen mit der Tendenz zu Körperkontakt oder zur Erpressung sexueller Handlungen, in dieser Befragungsgruppe häufiger genannt wurden.“ (S.31) Uns als Gesellschaft muss bewusst werden, dass es sich bei Prostitution nicht um eine „Arbeitsstelle“ handelt, die die Bedürfnisse von ArbeitnehmerInnen so ernst nimmt, wie es in anderen Unternehmen der Fall ist. Es handelt sich um eine eigene Form der Gesellschaft, die im Dunkeln agiert und in eigenen Regeln funktioniert. Es ist eine Gesellschaft, in der Gewalt verherrlicht wird und an der Tagesordnung steht. Wir vom Projekt Schattentöchter sind zutiefst davon überzeugt, dass diese Form der Schattengesellschaft kein Anrecht, weder auf unsere Frauen noch auf das Frauenbild unserer Gesellschaft, haben darf.


[1] Ebenso zu finden in dem „WAVE Training programmme on violence against women“

[2] https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2018/630296/EPRS_BRI(2018)630296_DE.pdf

[3] https://www.bmfsfj.de/resource/blob/84328/3bc38377b11cf9ebb2dcac9a8dc37b67/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf

[4] https://www.youtube.com/watch?v=kPznZNlXLg8 (00:53 min; letzter zugriff: 16.06.21)