Die Loverboymethode

„An jeder Schule, an der ich bisher über das Thema informiert habe, gab es Opfer. Ausnahmslos.“ 

So bekundet Bärbel Kannemann, eine ehemalige Kriminalbeamtin und Gründerin von „NO Loverboys e.V.“1, in einem Interview mit dem „Liebe ohne Zwang e.V.“ . Sie spricht von einer der am weitesten verbreiteten Methoden, die junge Frauen in die Prostitution zwingt: Die Loverboymethode. 

Wie funktioniert die Methode? 

Hierbei handelt es sich meist um einen gutaussehenden jungen Mann zwischen 18 und 30 Jahre2 der ein deutlich jüngeres Mädchen umwirbt und unter Vortäuschung einer Liebesbeziehung in die Prostitution drängt. Meist lernt dieser „Loverboy“ sein potentielles Opfer durch Mitschüler des Mädchens, die als „Mittelsmänner“ fungieren und häufig selbst in kriminelle Strukturen verstrickt sind, kennen. Diese Mädchen sind in der Regel sehr jung. Laut dem „Liebe ohne Zwang e.V.“ handle es sich manchmal bereits um 11-Jährige Mädchen.3 

Der ältere „Loverboy“ agiert höchst berechnend und sucht sich gezielt Opfer, die auf seine Masche ansprechen. Dafür ausschlaggebend ist nicht eine bestimmte soziale Schicht des Opfers. Stattdessen achtet er auf Anzeichen die auf einen geringen Selbstwert oder auf Schwierigkeiten in Familien und Freundeskreisen hinweisen. Im Rahmen seiner vorgetäuschten Liebe gibt er dem Opfer scheinbar Halt und Anerkennung. Er hat sehr viel Zeit um ihr zuzuhören und bringt ihr Wertschätzung in Form von Komplimenten und teuren Geschenken entgegen. Während er sich für das Mädchen „verausgabt“, investiert er in ihre emotionale Bindung zu ihm. Früh sucht er körperlichen Kontakt und drängt sie zum Geschlechtsverkehr um „die Ware zu testen“. Parallel sät er erste Zweifel gegenüber Vertrauenspersonen und Familienmitglieder, um sie sozial zu isolieren und seinen Einfluss auf das Opfer zu steigern. 

Ist er davon überzeugt, dass sie ihm vertraut beginnt er verzweifelt von Schulden zu sprechen. Würde sie sich dazu bereit erklären mit einem gewissen Freund zu schlafen, dann würde dieser ihm seine Schuld erlassen. Es seien dringende und horrende Schulden. Sie sei seine einzige Hoffnung. Und eigentlich sei es nur fair, da er ja so viel für sie tut, immer Zeit für sie hat und ihr so viel geschenkt habe. 

Bei dem so genannten „Freund“ handelt es sich gewöhnlich um den ersten Freier. Erklärt das Opfer sich nicht dazu bereit, so weiß der „Loverboy“ andere Wege sie zu zwingen. Er droht ihr beispielsweise, nutzt die Familie als Druckmittel und wird gewalttätig oder bietet ihr auch „Beruhigungsmittel“ an. Für das Mädchen beginnt ein Doppelleben, dass bald mit ihrem Schulleben kollidiert. Durch das distanzierte Sozialleben fällt ihr Fehlen in der Schule allerdings zunächst nicht auf. Sie trennt sich immer mehr von ihrer Familie und ihrer Zukunftsvision, um den Ansprüchen des Freundes gerecht zu werden.

Warum verlässt sie den „Loverboy“ nicht, sobald er gewalttätig wird? 

Wie erwähnt sorgt der Loverboy „in weiser Voraussicht“ schon sehr früh für eine Entfremdung gegenüber der Familie. Er zieht das Mädchen emotional immer näher an sich. Unterschwellige Lügen über Familie und Freunde halten das Mädchen auf Distanz. Die Abschottung von Vertrauenspersonen ist ein sehr wichtiger Zug für ihn. Hat er sie abgetrennt, so ist es deutlich leichter sie mit Drohungen und Schuldgefühlen an sich zu binden, da sie sonst niemanden hat dem sie sich anvertrauen kann.

Der erste Gewaltausbruch – ein mögliches Szenario: 

Der „Loverboy“ schlägt das Mädchen zum ersten Mal, nachdem er ihr erklärt hat, dass er Schulden habe. Danach entschuldigt er sich allerdings überschwänglich und weint vielleicht sogar. Die Situation habe ihn so aufgewühlt und er habe Angst. Das Opfer ist schockiert, da es ihn sonst nicht so kennengelernt hat. Sie sieht aber, dass es ihm leid tut und vergibt ihm. Darauf folgt eine „Honey-Moon-Phase“. In dieser Phase macht der „Loverboy“ alles, damit sich das Mädchen wohl fühlt. Er macht ihr wieder Komplimente, ist liebevoll, gibt ihr Sicherheit und macht ihr vielleicht wieder Geschenke. Das Opfer nimmt ihn wieder als den Traummann wahr, der er zu Beginn ihrer Beziehung war und fragt sich vielleicht, ob sie nicht selbst Schuld an dem Gefühlsausbruch war. Dann folgt ein stärkerer Gewaltausbruch. Wieder entschuldigt sich der Freund und beteuert seine Reue. Eine weitere „Honey-Moon-Phase“ beginnt, allerdings dieses Mal kürzer. Er wird unberechenbarer für das Opfer. Eine Gewaltspirale bildet sich. Die „Honey-Moon-Phasen“, in denen er liebevoll ist, werden immer kurzlebiger und die Gewaltausbrüche immer stärker. Scheinbar willkürlich hofiert er sie und öffnet ihr zum Beispiel die Tür, aber beleidigt und schlägt sie im nächsten Moment. Seine unvorhersehbare Gewalt wird ein ungeschriebenes Gesetz, das bestimmt was richtig und falsch ist. Sie weiß nie, woran sie bei ihm ist und versucht es ihm dennoch recht zu machen, da sie in ihrem Herzen hofft, dass er immer noch der liebevolle Mann ist, den sie kennengelernt hat. Sie hofft, dass sie wieder glücklich werden, wenn das nächste „Problem“, die nächsten „Schulden“, aus dem Weg geschafft sind. Schließlich ist er immer noch auch der Mann, für den sie die Schule abgebrochen, ihre Familie verlassen und sich prostituiert hat.

Warum ist gerade diese Methode so effektiv? Wichtig ist hierbei fest zu halten: Jeder kann ein Opfer sein. Es kann jedem passieren. Ein „Loverboy“ agiert nie emotional. Alles was er tut ist sachlich berechnet und entspringt einer genauen Beobachtung der Schwächen einer jungen Frau oder eines Mädchens. Familienprobleme, Identitätskrisen und Lebenskrisen machen weder vor einer finanziellen, ethnischen oder sozialen Schicht noch vor einem bestimmten Alter halt. Jedoch sind gerade Mädchen, die sich in der Pubertät befinden, in einer sensiblen Phase wo nicht nur die Identität geformt, sondern auch der eigene Wert infrage gestellt wird. Der „Loverboy“ adressiert mit seiner vorgetäuschten Liebe nicht etwas Lapidares oder Unwichtiges in dem Leben eines Mädchens. Er adressiert Bedürfnisse, die nach Maslow in jedem Menschen zu finden sind: Das Bedürfnis nach sozialer Einbindung, nach Anerkennung und, so surreal es in diesem Fall klingt, auch das nach Sicherheit. 

112.02.2014, Berlin

2 Materialheft „Liebe ohne Zwang – Loverboy-Masche enttarnen“ von Thomas Nau, Shannon von Scheele und Theresa Nau (Seite 8)

3 siehe selbes Heft Seite 10