Armut und Perspektivlosigkeit als Konsequenzen für Menschenhandel und falsche Jobversprechen


„Vom Kinderheim ins Bordell“. So betitelte die Saarbrücker Zeitung das Schicksal einer rumänischen Frau, die im April 2013 in Saarbrücken auf sich aufmerksam machte. Ein Landsmann habe sie aus dem Kinderheim geholt als sie zu alt für dieses war und nach Deutschland gebracht. Unter Gewaltandrohung werde sie gezwungen sich zu prostituieren. Die Hälfte des Geldes, dass sie einbringt, gelangt zu dem Betreiber der „Gewerblichen Zimmervermietung“ und ein Viertel geht an den Zuhälter. Erst nach einiger Zeit hat sie – zusammen mit einigen anderen jungen Frauen – den Mut, die Kripo in Saarbrücken um Hilfe zu bitten. Das grausame Schicksal dieser jungen Frauen ist leider kein Einzelfall. So berichtet beispielsweise auch die „International Press Agency“ von einem Kinderheim gleicher Nationalität mit dem Namen „Pinocchio“. Hier soll der Heimleiter regelmäßig Heimkinder in die Prostitution verkauft haben. 

Derartige Vorfälle sind in wirtschaftlich schwachen Ländern keine Seltenheit – Tendenz steigend. Die Auswirkungen sind jedoch nicht auf diese Länder begrenzt, sondern reichen bis nach Deutschland hinein. 

Laut BKA (Bundeskriminalamt) sind die Hauptursachen des Menschenhandels: Perspektivlosigkeit, Armut und Hilflosigkeit auf Seiten der Opfer sowie Nachfrage nach Prostituierten und “billigen Arbeitskräften” auf der anderen Seite. Darüber hinaus ist emotionale Abhängigkeit von den Tätern eine weitere häufige Ursache für spätere Ausbeutung. Eine spezielle Form der „emotionalen Abhängigkeit“, die systematisch aufgebaut und ausgenutzt wird, ist die von sogenannten Loverboys. Nun wollen wir den Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung im Bereich der Armutsprostitution thematisieren.  

Was ist Armutsprostitution?  

Zunächst muss festgehalten werden, dass das Feld der Armutsprostitution vielseitig ist. Armutsprostitution bezieht sich auf minderjährige wie volljährige Frauen und, zu einem geringeren Prozentsatz, auch auf Männer. Die Armut der betreffenden Personen wird ausgenutzt, um das Ziel der Ausbeutung zur Zwangsprostitution zu erreichen. Armut ist in den meisten Fällen die Ursache weshalb die Opfer in die Prostitution einsteigen oder leichte Ziele für Menschenhändler darstellen. 

Das falsche Jobversprechen:  

Zur Masche der falschen Jobversprechen gibt der KOK (Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V.) einen passenden Einblick durch den nachfolgend beschriebenen Fall, der beispielhaft ist und auf ihren Erfahrungen beruht. Dieses Beispiel spiegelt die häufig genutzte Methode wider, mit der Frauen durch ein falsches Jobversprechen in die Prostitution gelockt bzw. gedrängt werden.  

Es ist die Geschichte einer jungen Frau A. die aus einem kleinen ärmlichen Dorf in Weißrussland stammt. Nach der Berufsschule findet sie keine Arbeit, es fehlt ihr jegliche Zukunftsaussichten. In ihrer Familie findet Frau A. keine Unterstützung, da dort Alkoholsucht und Armut herrschen. Allein gelassen und perspektivlos entscheidet sich Frau A. ein zweifelhaftes Angebot anzunehmen, das ihr durch eine Freundin übermittelt wird. Es handelt sich um eine Stelle in einem Restaurant in Polen. Diese Stelle tritt sie allerdings nie an. Stattdessen wird sie direkt nach Deutschland weitergeleitet, weil es nach Aussage der Vermittler doch keine Arbeit in Polen gäbe. Noch vor dem Grenzübergang wird ihr der Pass abgenommen und sie wird aufgefordert als Prostituierte zu arbeiten. Isoliert durch Sprachbarrieren, bedroht mit Gewalt und ohne Rückhalt in der Heimat ist sie den Händlern hilflos ausgeliefert. Der anfangs noch vorhandene Widerstand wird durch Vergewaltigungen und Misshandlungen gebrochen. Da Frau A. den Tätern vollständig ausgeliefert ist, folgt sie deren Anweisungen.  

Die Zeit, die eine Frau in solch einer typischen Situation an einem Grenzübergang erleben muss, sprengt unser Vorstellungsvermögen. Eine unserer Mitarbeiterinnen beschreibt sie so: „Was dort mit den Frauen passiert, muss ganz furchtbar grausam sein, weil diese Frauen völlig eingeschüchtert und seelisch gebrochen aus dieser Übergangsphase herausgehen. Wenn sie dann hier in Deutschland arbeiten müssen, leisten sie keinen Widerstand mehr aus Angst davor, dass man ihnen wieder diese schlimmen Dinge antun könnte“.  

Nicht selten wird den Frauen zudem erzählt, dass sie aufgrund der Reise nach Deutschland hohe Schulden bei den „Händlern“ hätten. So erzählt der KOK in einem anderen Fallbeispiel von einem afrikanischen Mädchen, das 30.000 Euro Reisekosten an die Händler zahlen sollte. Den Frauen bleibt keine andere Wahl, als diese surrealen Schulden durch ihren Verdienst abzubezahlen. Hilfe bei der Polizei zu suchen, kommt für sie nicht in Frage, weil ihnen eingeredet wird, dass diese – wohlmöglich wie in ihren Heimatländern – korrupt sei oder sich nicht für sie interessieren würde. 

Die aktuelle Entwicklung 

Immer öfter beobachten wir aber auch, dass die Frauen bereits in ihren Heimatländern wussten, dass sie in der Prostitution arbeiten würden. Frank Heinrich und Uwe Heimowski sprechen von dem Phänomen, dass Menschenhändler „ehrlich werden – oder zumindest ehrlicher“. In den Jahren zwischen 2006 und 2014 seien durchschnittlich 31 Prozent der in Deutschland befragten Opfer mit der Ausübung der Prostitution zunächst einverstanden gewesen. Mit falschen Jobversprechen hätten die Menschenhändler sie nach Deutschland geholt: So sagte man ihnen beispielsweise, dass sie durch gezielt profilierte Prostituierte „rekrutiert“ würden. „Diese tragen teure Designer-Kleidung, fahren ein großes Auto und zeigen potenziellen Opfern ein glamouröses Leben als High-End-Prostituierte vor, in dem sie alle Entscheidungen über ihren Körper, ihr Geld und ihre Zeit in der Hand haben.  Die tatsächlichen Umstände ihrer Arbeit in der Prostitution sehen dann jedoch anders aus. Sie wissen nicht, dass ihnen ein Job bevorsteht, in dem ihnen diktiert wird, was sie wann und mit wem zu machen haben. 

Wieso geht ein Opfer auf ein falsches Jobversprechen ein?  

Laut Prof. Dr. med. Volker Faust handelt es sich allein schon bei andauernder Arbeitslosigkeit um eine Form der psychosozialen Zermürbung. Bei diesen Frauen hängen allerdings mit der Arbeitslosigkeit in den meisten Fällen existentielle Nöte zusammen. So muss beispielsweise Frau A. nicht nur mit der Arbeitslosigkeit, sondern auch mit wachsender Verarmung kämpfen. Ihre Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Schutz werden täglich in Frage gestellt. Hier gehen die Menschenhändler scheinbar auf die Bedürfnisse der jungen Frauen ein. Ihnen wird ein schönes oder zumindest besseres Leben versprochen.  

Zusätzlich wird in einigen osteuropäischen Ländern kulturell bedingt familiärer Druck aufgebaut. Es ist die Aufgabe der Kinder für die finanzielle Lage der Familie und die Altersversorgung der Eltern aufzukommen. Nicht selten begegnen wir Frauen, die Geld zu ihrer Familie schicken, obwohl sie selbst kaum genug zum Leben haben. Die Familienmitglieder wissen oder interessieren sich meist nicht dafür, als was die Frauen arbeiten. Ihnen ist nur wichtig, dass regelmäßig Geld für ihr eigenes Überleben überwiesen wird.  

Fehlende Alternativen, existentielle Not und zwischenmenschlicher Stress drängen viele Menschen zum Äußersten. Der Druck steigt stetig an und irgendwann ist eine Frau so weit, ein fragwürdiges Angebot anzunehmen, obwohl sie spürt, dass etwas daran nicht stimmen kann. 

Was hat diese Form der Armutsprostitution mit Deutschland zu tun?  

Laut BKA findet Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung nahezu ausschließlich im Prostitutionsmilieu statt. 

Die Bedingungen dafür sind nicht überall auf der Welt so vorteilhaft wie in Deutschland. Die Legalisierung der Prostitution hat den Menschenhandel in unserem Land geradezu aufblühen lassen. 

ExodusCry weist zudem darauf hin, dass Prostitution ein Geschäft ist, das von Werbung lebt.  

Der Deckmantel eines seriösen Unternehmens, das wie jedes andere auch Werbung schalten kann, macht Deutschland attraktiv für Menschenhändler und ermöglicht ein florierendes Geschäft. Durch offene Werbung steigt auch die Nachfrage, da das Angebot von potenziellen Kunden wahrgenommen wird. 

Je höher die Nachfrage, desto mehr Frauen und Kinder werden zur Ausbeutung benötigt, um das Geschäft am Laufen zu halten. Um eine Veränderung herbeizuführen, ist ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft erforderlich. Das Bild, das in den Medien von Prostitution gezeigt wird, entspricht oft einer Scheinwelt. Echte Erfahrungen müssen ernst genommen und gehört werden.